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8 Jan

Vitalina Trofimtschuk (Belarus)
SÜDKURIER, July 6, 2013


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Die Quelle der Inspiration [The source of inspiration]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Vitalina Trofimtschuk findet in einer Literarischen Gesellschaft den idealen Ausgleich zum anstrengenden Uni-Alltag

Wer schöpferisch veranlagt ist, der ist bei der „Literarischen Arche“ oder anderen literarischen Gesellschaften Polozks immer an der richtigen Adresse – unabhängig von seinem sozialen Status, ob er jetzt 16 oder 90 Jahre alt ist. In diesen Gesellschaften, deren Geschichte1926 begonnen hat, werden Traditionen der Stadt, aus der weltberühmte Persönlichkeiten wie etwa die erste weißrussische und ostslawische Aufklärerin Efrosinja Polotskaja, der Buchdrucker, Schriftsteller und Philosoph Franziks Skorina oder Simion Polozkij als ostslawischer Kulturschaffender, Dichter, Übersetzer und Theologe hervorgegangen sind, bewahrt und weiterentwickelt.

Ich begeistere mich seit meinem 14. Lebensjahr für Poesie. Im Russischunterricht habe ich viel Interessantes über Alexander Puschkin, Sergei Jessenin, Wladimir Majakowski und andere erfahren. Als Folge habe ich selbst zum ersten Mal zum Stift gegriffen und in Gedichten meine Gefühle und Erlebnisse zu Papier gebracht – und bin so auch mit den Schriftstellern der „Literarischen Arche“  bekannt geworden. Einmal in der Woche versammeln sich dort die Liebhaber von Literatur und Kunst. Ich selbst gehe jedes Mal mit einem Lächeln auf dem Gesicht dorthin, weil ich mich nach einem anstrengenden Uni-Tag in einer wunderbaren Stimmung und inspirierenden Atmosphäre gut erholen kann.  Alle sitzen um einen großen Tisch herum, es werden Gedichte oder Prosa vorgelesen. Manchmal ist es nicht leicht für mich, weil ich nie weiß, wie die anderen mein Gedicht aufnehmen? Jeder äußert seine Meinung, manchmal hört man kritische Stimmen. Die einen dürfen Erfahrungen sammeln, die anderen geben ihre Erfahrung und ihr Wissen weiter, alle verstehen sich wie in einer großen Familie. Auch Maler und Musiker sind Mitglieder der Literarischen Arche und so wird das Vorlesen der Gedichte oft auch musikalisch begleitet. Fast jeden Monat organisieren die Schriftsteller Kulturabende. Jemand singt, einige tragen ihre Gedichte vor, andere spielen Klavier oder Gitarre – die Zuschauer sind jedes Mal begeistert. Manchmal fahren wir ins Witebsker Gebiet oder nach Russland, um bei Kulturtreffen in Schulen und Universitäten aufzutreten. Stellen sie sich das folgende Bild vor: Während der Fahrt spielt man Ziehharmonika oder Gitarre, liest Gedichte, singt Lieder, man scherzt und lacht miteinander. Das ist sehr lustig und unvergesslich! Solche Fahrten erinnern mich an „Die Bremer Stadtmusikanten“ von den Gebrüdern Grimm.

In ihren Werken beleuchten Polozker Dichter patriotische, gesellschaftliche, philosophische und andere Themen – mein Lieblingsthema ist Liebes- oder Naturlyrik. Die Hauptquelle der Inspiration wird für unsere Dichter ihre Heimatstadt. Ihre Schönheit, Ruhe und Altertümlichkeit lassen die Gedanken schweifen und lösen Gefühle aus. Jährlich wird eine Sammlung von Gedichten herausgegeben. Das ist eine mühselige aber lohnenswerte Arbeit, die unter anderem auch viel Geld kostet. Diese Sammlungen haben schöne prägnante Titel wie zum Beispiel „Herzklopfen“, „Aufstieg“ oder „Zeitablauf“.  Die Gedichte widmen sich der Liebe, dem Sinn des Lebens, ebenso wie sehr zeitgenössischen,  ja privaten Sujets. Viele Leute lesen mit großem Interesse diese Gedichtsammlungen, manchmal schreiben sie sogar Dankbriefe an die Autoren. Einige Dichter und Prosaiker schaffen eigene Sammlungen. Außerdem erscheint jeden Monat die Zeitung „Polozker Bote“, wo auch Gedichte gedruckt werden. „Wir sind auf unsere Tätigkeit stolz. Das ist für uns wie ein zweiter Atem“ sagen die Autoren. Wer weiß, vielleicht werden irgendwann die Schriftsteller aus Polozk weltweit bedeutsam und berühmt…

Die aufsteigende Sonne streichelt sanft die Küste

Und glättet die stürmische See.

Ein letztes leises Blinken des Sternenhimmels

 Noch wiegt sich zerfließend im Wasser.

Strahlendes Sonnenlicht begrüßt den neuen Tag

Und es erwacht ein Geheimnis von schönster Art:

In fernen Wolken schimmert ein Schatten

Wie das azurblaue Licht des Lasurits.                                                                                  

(Vitalina Trofimtschuk)

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About the media project ’Polotsk writes for Friedrichshafen’

Belarusian students learning German at Polotsk State University shed light on life in Friedrichshafen’s sister town within the framework of the media project ’Polotsk writes for Friedrichshafen’.

This project is authored and coordinated by freelance journalist Brigitte Geiselhart.

Originally published: www.suedkurier.de/polozk