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3 Jan

Dr. Irving Wolther (Germany)
Asphalt Magazin, Dec 30, 2013


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Belarus – das unbekannte Herz Europas [Belarus - the unknown heart of Europe]

Kein Land in Europa ist so abgeschottet von der Außenwelt wie Belarus. Hin- und hergerissen zwischen Russland und der EU schwelgt die von Präsident Alexander Lukaschenko autoritär geführte Republik in Sowjetnostalgie und buhlt zugleich um die Anerkennung der westlichen Demokratien. Asphalt-Autor Irving Wolther hat sich ein eigenes Bild von Belarus gemacht und ein Land voller Widersprüche entdeckt.

Man kennt die Fernsehbilder aus Belarus, wie Weißrussland seit seiner nationalen Unabhängigkeit 1991 offiziell heißt, doch für die Menschen und ihren Alltag bleibt neben Alexander Lukaschenko, dem übermächtigen Präsidenten der „letzten Diktatur Europas“, in der Berichterstattung nur wenig Raum. Wie kann man sich das Leben dort vorstellen? Kann man überhaupt gefahrlos dorthin reisen? Es gibt viel Raum für paranoide Vorstellungen, denn kein deutschsprachiger Reiseführer gibt Auskunft über diesen weißen Fleck auf der europäischen Landkarte. Dabei liegt die Hauptstadt Minsk nicht viel weiter weg von Berlin als andere Touristenziele wie London oder Paris.

Touristenziele? Wer sich ein bisschen mit Geschichte auskennt weiß, dass im Zweiten Weltkrieg zwischen den Flüssen Memel und Pripjet kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist. Die weite belarussische Ebene lud schon die napoleonischen Truppen ein, gen Moskau zu marschieren und dabei eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Kaum ein Land in Europa hat in seiner Geschichte mehr gelitten. Und wenn nicht fremde Besatzer das Volk aufs Grausamste terrorisierten, wurde es Opfer stalinistischer Gewaltherrschaft. Falls es stimmt, dass unbehandelte Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden, können die Menschen in Belarus die düsteren Kapitel ihrer Geschichte noch lange nicht als abgeschlossen betrachten.

Schwerelose Metropole

Der Flughafen von Minsk liegt weit außerhalb der Stadt, die Fahrt ins Zentrum der ausladenden Metropole dauert fast eine Stunde. Vor einem unwirklich blauen Himmel ziehen stalinistische Prachtbauten, orthodoxe Kirchen, Einkaufszentren, schneebedeckte Parkanlagen, Plattenbausiedlungen und die spärlichen Überreste der Altstadt vorbei, die im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleich gemacht wurde. Dazwischen weite, offene Plätze und gigantische Straßenfluchten, die der Metropole eine in Westeuropa unbekannte Schwerelosigkeit verleihen, zugleich aber auch wenig Raum für Privates lassen.

In diesem Land, wo der allmächtige Staatsapparat jede Form von individueller Entfaltung argwöhnisch beäugt und das Gefühl der Überwachung allgegenwärtig ist, versuchen immer mehr Menschen, sich durch ehrenamtliche Arbeit selbst zu verwirklichen. Viele der Projekte werden mit Mitteln der Europäischen Union gefördert – und dennoch vom Staat geduldet, weil durch das persönliche Engagement der Gemeinsinn und die Identifikation mit dem eigenen Land gestärkt werden sollen. Der Nationalstolz der Belarussen liegt laut Europäischer Wertestudie weit unter dem in westeuropäischen Ländern. Das ist kein Wunder, denn Präsident Lukaschenko unterlässt bewusst jede Betonung einer eigenständigen belarussischen Kultur, um den großen Nachbarn Russland gnädig zu stimmen, von dessen Erdgaslieferungen Wohl und Wehe der heimischen Wirtschaft abhängen.

Die Gedanken sind frei?

So allgegenwärtig der autoritäre Staatschef in den Nachrichten ist, so wenig ist die Staatsgewalt im Alltag präsent – zumindest für den unbedarften Besucher. Die Einheimischen wissen sehr wohl, dass immer und überall jemand mithört und jede falsche Äußerung dramatische Konsequenzen für das eigene Leben und das der Angehörigen haben kann. Diese bedrohliche Ungewissheit ist es, mit der die Menschen davon abgehalten werden, sich mit ihrer Meinung allzu weit aus dem Fenster zu lehnen, denn vor dem nächsten Fenster könnten schon Gitterstäbe sein. Ingo Petz, Journalist und Vorstandsmitglied der deutsch-belarussischen Gesellschaft e.V. (dbg), fürchtet, dass sich an dieser Situation auch in naher Zukunft nichts ändern wird: „Solange das Regime Lukaschenko an der Macht ist, wird sich die Gesellschaft nicht in einem Maße öffnen können, dass sie sich zu einer starken, freien Gesellschaft entwickelt. Gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise muss die Regierung um ihr Überleben kämpfen und unternimmt daher alles, um die Kontrolle zu behalten.“

Auch das ehrenamtliche Engagement spielt sich in einer Grauzone ab, die den Akteuren nur ein übervorsichtiges Handeln gestattet, um keine Repressalien zu provozieren. Dennoch gedeiht in diesem Klima des kontrollierten Gewährens allmählich eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich der Menschen dort annimmt, wo die Allmacht des Staats bislang keine Veranlassung sah, aktiv zu werden. Bei der Jugendarbeit zum Beispiel: In Belarus gibt es keine Bar- oder Cafékultur wie in Westeuropa, Treffpunkte für Jugendliche sind Mangelware, Discos und Konzerte für die meisten unerschwinglich. Begegnungsstätten wie das Jugendbildungszentrum FIALTA, in dem auch deutsche Jugendliche ihr freiwilliges soziales Jahr absolvieren, bieten eine willkommene Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen. Bei den Projekten spielt der Austausch eine zentrale Rolle: „Wir möchten, dass die Jugendlichen nicht anderen, sondern in erster Linie sich selbst zuhören“, erklärt Olga Schmiegalska, Leiterin des Bundes der ehrenamtlichen Arbeit der Jugend (LYVS). Eine Äußerung, die vor dem Hintergrund des indoktrinierenden Schulsystems in Belarus nicht so neutral klingt, wie sie offiziell gemeint ist. Der Deutsche Thomas, der nach dem Studium für ein freiwilliges soziales Jahr nach Minsk gegangen ist, bringt es auf den Punkt: „Vielen fällt es schwer frei zu lernen“, stellt er fest. „Wenn man ihnen etwas vorspricht, sprechen sie es einfach nach. Dass man hier frei seine Meinung sagen kann, sind die meisten nicht gewohnt.“

Hoffnung auf Zukunft

Ein Besuch in der belarussischen Provinz zeigt, wie straff organisiert die Jugendarbeit auf dem Land ist. Jungen und Mädchen kümmern sich unter Anleitung um die Reinhaltung des Flussufers, Spielenachmittage mit Heimkindern und das Programm „Heilung durch Magie“, bei dem Behinderte durch das Erlernen von Zauberkunststücken neues Selbstbewusstsein gewinnen sollen. Alleine die Existenz eines Tagesaufenthalts für Behinderte ist ein Zeichen dafür, dass sich in der belarussischen Gesellschaft etwas tut: Bis vor wenigen Jahren waren behinderte Menschen völlig auf sich gestellt, wenn die Eltern sich nicht mehr um sie kümmern konnten. Die Leiterin der Einrichtung ist sich bewusst, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, doch es ist ein Tropfen der Hoffnung. Genau wie die Arbeit einer Seniorengruppe, die sich in Planspielen auf den Einzug des Kapitalismus in Belarus vorbereitet, um dabei nicht wie viele ihrer russischen Altersgenossen auf der Strecke zu bleiben.

Auch wenn nicht jedes ehrenamtliche Engagement völlig uneigennützig geschieht – zum Beispiel im Rahmen der staatlich organisierten Belarussischen Republikanischen Union der Jugend (BRSM) mit ihren insgesamt 450 000 Mitgliedern, die bei der Studienplatzvergabe bevorzugt werden und auch sonst bessere Aufstiegschancen haben – sind die Menschen in Belarus bei ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement auf europäische Unterstützung angewiesen. Regimes kommen und gehen, und schon morgen kann Minsk Berlin wieder so nahe sein wie London oder Paris. Das meint auch Ingo Petz: „Das Land ist längst nicht mehr so isoliert wie vor zehn Jahren. Ich kann jedem nur empfehlen selbst hinzufahren und Belarus mit eigenen Augen kennenzulernen.“