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11 Jan

Oxana Dorz and Alesia Kudelko (Belarus)
SÜDKURIER, Aug 7, 2013


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Auf der Suche nach deutschen Spuren in Polozk [Looking for German traces in Polotsk]

Das alte Polozk ist die geistige Wiege der Weißrussen, die erste Hauptstadt von Belarus. Die Stadt ist nicht besonders groß, aber sie hat viele Besonderheiten, die sie von anderen weißrussischen Städten  unterscheiden. So ist Polozk die älteste Stadt von Belarus, es ist der geographische Mittelpunkt Europas (das wurde 2008 von weißrussischen und russischen Wissenschaftlern nachgewiesen). Neben Kiew und Novgorod ist Polozk die dritte slawische Stadt, wo eine Sophienkathedrale gebaut wurde. Die Stadt ist der Heimatort von Franzisk Skorina, dem belarussischen Gutenberg, und der heiligen Euphrosina. In Polozk kann man nicht selten deutsche Spuren finden, auch wenn es über tausend Kilometer von Deutschland entfernt liegt.

Die ersten deutschen Spuren in Polozk sind mit dem Namen des katholischen Missionars Meinhard von Segeberg verbunden. Der Bischof begann im frühen Mittelalter mit der Missionierung an der Dwina. Diese Beziehungen waren freundlich. Später, als Brüder der Ritterschaft Christi von Livland und Deutscher Orden gegründet wurden, ist der freundschaftliche Charakter der Beziehungen abhanden gekommen. Aber durch die Ausweitung des Katholizismus wurde 1406 unter dem Fürsten Witowt der Bau des Bernardiner-Klosters möglich, der auf Kosten deutscher Kaufleute ging. Leider sind heute nur Ruinen von der Kirche übriggeblieben. 1888 wurde in Polozk die lutherische Kirche eröffnet, wo der Gottesdienst in Deutsch und Lateinisch abgehalten wurde. Dieses Gebäude ist heutzutage zu einem Heimatmuseum geworden. Weitere deutsche Spuren erscheinen bei uns während des ersten Weltkriegs, davon zeugen die aus jenen Zeiten verbliebenen Schießbunker sowie eine Ausstellung im Heimatmuseum. Nach 23 Jahren kam der Krieg wieder nach Polozk. Während des zweiten Weltkrieges wurden das jüdische Ghetto und ein KZ für sowjetische Kriegsgefangene in Polozk errichtet. Die Zeit bleibt aber nicht stehen: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Polozk – wie auch viele andere Städte in Belarus –mit der Hilfe der gefangenen deutschen Soldaten wiederaufgebaut.

Als sich Ende des 20. Jahrhunderts die Bewegung der Partnerstädte intensiv zu entwickeln begann, wurde zwischen Polozk und Friedrichshafen eine Freundschaft geschlossen, durch die viele Projekte ins Leben gerufen worden sind. Eines davon ist der Bau einer neuen Wasseraufbereitungsanlage „Zaozerye“ und die Umrüstung der alten Kläranlage. Die Arbeit an diesem Projekt dauerte 14 Jahre (1994–2008). Große finanzielle Unterstützung wurde von Friedrichshafen bezogen. Intensiv koordiniert wurde das Projekt von Horst Keller, dem in Anerkennung seiner Verdienste der Ehrenbürger der Stadt Polozk verliehen wurde. Heutzutage haben die Einwohner von Polozk reines und gesundes Wasser.

Partnerschaftliche Beziehungen zwischen Polozk und Friedrichshafen entwickeln sich nicht nur auf kommunaler, sondern auch auf kirchlicher Ebene. 1997 wurde in Polozk die St. Babola Kirche erbaut, in dessen Fundament ein Teil der Reliquien dieses Heiligen eingebettet wurde. Dies wäre ohne aktive Beteiligung von Pfarrer Rinderspacher nicht möglich gewesen. Deutsche Freunde arbeiten aktiv mit gesellschaftlichen Einrichtungen in Polozk zusammen – „Belarussischem Frauenrat“, „Tschernobyl-Echo“, Elternvereinigung behinderter Kinder „Strumok“ u.a. – und bieten Not leidenden Menschen ihre Hilfe. Ein weiteres Verbindungsstück zwischen den Partnerstädten ist unsere Universität. Lehrkräfte der Abteilung für Deutsch und wir Germanistik-Studenten sind eine „deutsche“ Insel, wo Deutsch und deutsche Literatur vermittelt und gelernt werden, wo Gäste aus Friedrichshafen immer willkommen sind. Unter Mitwirkung von Werner Dietsche wurden verschiedene Male Bücherspenden organisiert, über die wir uns immer noch freuen, denn die deutschen Bücher im Original sind in Belarus schwer zu kaufen.  Nicht zu vergessen ist natürlich die deutsche Kraftfahrzeugindustrie, die deutliche Spuren auf den belarussischen Straßen hinterlassen hat. Audi und VW, BMW und Mercedes sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie werden in Deutschland hergestellt, machen aber auch das Leben der Belarussen einfacher und bequemer.

Es stellt sich heraus, dass Deutsche und Belarussen viel Gemeinsames haben und die Schicksale unserer Völker durch die Geschichte untrennbar miteinander verbunden sind. Die herzliche Wärme jedes Treffens gibt positive Impulse für unser Leben und die weitere fruchtbare Zusammenarbeit. Es existieren Freundschaften zwischen Familien, Schülern, Organisationen. Diese Beziehungen sind fest. Distanz war und ist kein Hindernis dafür. Es stört auch nicht, dass die Freunde verschiedene Sprachen sprechen, weil die Sprache der Freundschaft ohne Übersetzen und Dolmetschen verständlich ist.

Originally published: www.suedkurier.de/polozk